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29. Jan. 16

Technische Rätsel aus der Vergangenheit

Quellen der Archäologie sind fast ausschliesslich materielle Hinterlassenschaften. Oft bereitet ihre Interpretation den Fachleuten Probleme. Wie einen Gegenstand deuten, über dessen Funktion uns seit mehreren tausend Jahren niemand mehr etwas erzählen kann?

Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto lückenhafter wird die Überlieferung. Der Archäologie stehen als Quellen materielle Hinterlassenschaften wie Reste von Bauten, Alltagsgegenstände oder Kunstwerke zur Verfügung. Durch genaues Beobachten und mit Hilfe von Analysen entsteht daraus allmählich ein Bild der Vergangenheit. Nicht selten bereitet die Interpretation den Fachleuten aber Probleme: Wie einen Gegenstand deuten, über dessen Funktion uns seit mehreren tausend Jahren niemand mehr etwas erzählen kann?
Zu den «grossen» ungelösten Rätseln der Archäologie gehört der Bau der ägyptischen Pyramiden im 3. Jahrtausend v. Chr. Nach wie vor ist nicht endgültig geklärt, auf welche Weise die tonnenschweren Steinblöcke transportiert und an ihre endgültige Position gebracht wurden. Nicht ganz so monumentale, doch nicht weniger knifflige Rätsel bietet die Zuger Archäologie. So fanden sich in mehreren jungsteinzeitlichen Siedlungen rund um den Zugersee bearbeitete Steine, die «Anhänger in Feldflaschenform» genannt werden (Bild 1). Bisher ist absolut unklar, wofür die Pfahlbauer die mysteriösen Objekte verwendeten. Waren es Gewichtssteine oder Schmuckstücke, oder dienten sie vielleicht zum Beschweren der Kettfäden eines Webstuhles?


Bild 1: «Anhänger in Feldflaschenform» in der Ausstellung des Museums für Urgeschichte(n) Zug. Fundort: Cham St. Andreas, Jungsteinzeit, 3800–2400 v. Chr.


Bild 2: Teile der riesigen Holztrapeze aus Steinhausen-Chollerpark waren früher im Museum für Urgeschichte(n) Zug ausgestellt. Die Objekte sind so gross, dass sie nicht komplett Platz in der Ausstellung fanden.


Bild 3: Modelle der bronzezeitlichen Holztrapeze aus Steinhausen-Chollerpark im Massstab 1:100, gefertigt von Archäotechniker Johannes Weiss.

Rätselhafte Funde wurden im Jahr 2000 auch in Steinhausen entdeckt: Bei der Ausgrabung eines längst verlandeten Uferbereichs fanden sich dort mehrere bis zu 16 Meter lange grobe Holztrapeze aus der frühen und mittleren Bronzezeit (Bild 2 und 3). Derartige Holzkonstruktionen sind bisher einzigartig, es gibt in den Pfahlbausiedlungen Europas keine Vergleiche. Dies macht es nicht einfacher herauszufinden, wofür sie vor 3'500 und mehr Jahren dienten! Derzeit gibt es verschiedene plausible Hypothesen: Es könnte sich um Überreste von Flossen, Baugerüsten oder Fischfanganlagen handeln. Die Lösung des Rätsels steht noch aus.


Bild 4: Eine Auswahl von Sägeplättchen aus Sandstein, angesägte Grüngestein und Halbfabrikaten von Steinbeilen aus verschiedenen jungsteinzeitlichen Fundstellen rund um den Zugersee (Risch, Cham und Zug) aus der Zeit zwischen 3700 und 2800 v. Chr.


Bild 5: Sägeapparat nach der Idee des Berner Archäologen Karl von Morlot. Zeitgenössische Skizze eines Nachbaus des Pfahlbauforschers Ferdinand Keller.
Abbildung aus: Christophe Croutsch, Techniques et sociétés néolithiques (Oxford 2005).


Bild 6: Angesägter Stein und Sägeplättchen aus Sandstein nach Art der Pfahlbauer, moderne Werkstücke.

Dass es oft Jahrzehnte bis zur Entschlüsselung archäologische Funde dauert, zeigen Beispiele aus der Forschungsgeschichte. Dazu gehören die zahlreichen Beilklingen aus Felsgestein und ihre Halbfabrikate in Form angesägter Steine. Sie sind in grosser Zahl auch aus den jungsteinzeitlichen Pfahlbausiedlungen rund um den Zugersee bekannt (Bild 4). Bereits im 19. Jahrhundert veranlassten derartige Funde die Fachleute zum Schluss, dass die Pfahlbauer vor 6'000 Jahren in der Lage gewesen sein mussten, Felsgestein zu zersägen. Jedoch konnten sich die Forscher - damals waren es tatsächlich nur Männer - nicht vorstellen, mit welchen Werkzeugen dies möglich war. Schliesslich standen den Menschen der Jungsteinzeit weder metallene Sägen noch Spitzmeissel geschweige denn moderne Diamantsägen zur Verfügung. Wie und womit also hatten die Pfahlbauer gesägt? Kreativität und Erfindungsreichtum waren gefragt!
 
Schon bald entwickelten verschiedene Forscher Ideen und testeten diese auch in der Praxis. Der Berner Archäologe Karl von Morlot erfand um 1870 einen hölzernen «Sägeapparat» mit einer Klinge aus Silex (Feuerstein) (Bild 5). Sein Zürcher Kollege Jakob Heierli hingegen erachtete es als viel effizienter, Gestein mit Hilfe eines Holzbrettchens und Sand als Schleifmittel zu zersägen. Noch eine andere Lösung fanden englische Archäologen 1878: Sie vermuteten, dass Felsgestein mit sandigen Schnüren zersägt wurde.
1926 schliesslich fielen dem deutschen Archäologen Hans Reinerth unter den Funden aus Schweizer Pfahlbausiedlungen kleine, dünne Sandsteinplättchen auf, die er als Handsägen interpretierte. Dies bestätigte sich in den 1940er-Jahren, als das Fundmaterial aus einer jungsteinzeitlichen Sägewerkstatt in Cazis GR entdeckt wurde: Sandsteinplättchen und angesägte Gesteine. Seither ist unter Fachleuten anerkannt, dass Stein zumindest in manchen Regionen der Welt mit Sandsteinplättchen zersägt wurde (Bild 6).
Bisweilen werden wir Archäologinnen und Archäologen mit der Frage konfrontiert «warum forscht und gräbt ihr überhaupt noch weiter – es gibt doch schon genug archäologische Funde?». Beim näheren Hinschauen wird jedoch rasch klar: Noch kennen wir erst einen Bruchteil unserer Vergangenheit. Neue Funde, aber auch die Neubeurteilung älterer Funde mit aktuellen Forschungsmethoden führen dazu, dass sich unser Bild ständig erweitert und korrigiert. Wäre dies nicht mehr der Fall, so liefen wir rasch Gefahr, die intellektuellen und technischen Fähigkeiten vergangener Generationen aufgrund unseres lückenhaften Wissens masslos zu unterschätzen.