Seit wann führen die Menschen eigentlich Krieg?
Bewaffnete Konflikte in der Urgeschichte
Diskussionen um Krieg, Flucht und Sicherheitspolitik sind derzeit allgegenwärtig. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass bewaffnete Konflikte auch in der Urgeschichte der Zentralschweiz eine Rolle spielten.
Doch wie lässt sich Krieg und Gewalt überhaupt nachweisen in Zeiten, aus denen Schriftquellen fehlen? Eine Möglichkeit sind Funde von Waffen. Eine europaweit einzigartige jungsteinzeitliche Waffe stammt aus Cham (ZG): die 6'000 Jahre alte Prunkaxt (Abb. 1). Der lange und aufwändig verzierte Griff lässt vermuten, dass sie zu besonderen Anlässen eingesetzt wurde – ob auch für Kampfhandlungen, bleibt unklar. Die bevorzugte Waffe der Jungsteinzeit (6'000 bis 2’2'00 v.Chr.) war aber der Pfeilbogen. Skelettuntersuchungen belegen, dass Pfeile nicht nur zum Jagen genutzt wurden. Das prominenteste Opfer mit tödlicher Pfeilverletzung ist «Ötzi», dessen Mumie 5’400 Jahre nach seinem Tod in den Alpen gefunden wurde. Eine Schnittwunde an seiner Hand stammt möglicherweise vom Abwehren eines Feuersteindolches im Kampf.
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Abb. 1: Die jungsteinzeitliche Axt (4'200 v. Chr.) von Cham, Eslen gilt als älteste Waffe im Kanton Zug. Die Länge und Verzierung ihres Schafts macht sie zu einem europaweit einzigartigen Fund.
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Abb. 2: Pfeil und Bogen waren die wichtigste Waffe der Jungsteinzeit – sowohl auf der Jagd als auch im bewaffneten Konflikt. Pfeilspitzen aus Cham, St. Andreas (2750–2400 v. Chr.).
Verletzungen an den Skeletten der Opfer sind der wichtigste Nachweis für bewaffnete Konflikte. Sie zeugen von der Brutalität, die urgeschichtliche Konflikte annehmen konnten – wenn sie auch die Ausnahme blieben. Aus der europäischen Jungsteinzeit sind Massengräber mit mehreren Duzend gewaltsam ermordeten Menschen bekannt, darunter auch Kinder (z.B. in Thalheim D, Eulau D oder Asparn A). Ursache für die gewaltsamen Konflikte war möglicherweise die neue Lebensweise: In der Jungsteinzeit wurden die Menschen in Mitteleuropa von nomadischen Jägerinnen zu sesshaften Bauern. Wo sich Siedlungsräume überschnitten, entstand Konfliktpotential um den Zugang zu Ackerland, ressourcenreichem Wald und Rohstoffen.
Lanzenschmiede am Zugersee
In der Bronzezeit (2’200-800 v. Chr.) wurden zum ersten Mal Waffen hergestellt, deren Zweck ohne jeden Zweifel das Töten von Menschen war: Schwerter und Lanzen. Diese Neuheiten erreichten auch die Zentralschweiz. Davon zeugt nicht nur das bronzene Schwert von Baar (1300 v. Chr.). Gussformen aus dem Pfahlbaudorf Zug-Sumpf (ca. 850 v. Chr.) belegen, dass Lanzenspitzen sogar direkt am Zugersee hergestellt wurden.
In die Bronzezeit gehört auch das älteste Schlachtfeld Europas. Das zeigen die Überreste von 144 Männern im Alter von 18–40 Jahren aus dem Tollensetal D. Viele von ihnen kamen durch Keulen und Lanzen gewaltsam zu Tode oder wurden auf der Flucht mit Pfeilen erschossen. Vermutlich kam es an einer Brücke über den Fluss Tollense zu einer Schlacht zwischen zwei verfeindeten Gruppen.
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Abb. 3: Keltische Söldner im Dienst griechischer Kriegsherren brachten die ersten Münzen in ihre Zentralschweizer Heimat. Bald prägten die Kelten auch eigene Münzen, wie Funde aus Baar (1.–2. Jahrhundert v. Chr.) belegen.
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Abb. 4: Auf dem frühmittelalterlichen Friedhof in Baar (7. Jahrhundert n. Chr.) wurden Männer schwer bewaffnet begraben. Abnutzungsspuren an ihren Knochen verraten aber, dass sie ihr Leben eher auf dem Weizen- als auf dem Schlachtfeld verbrachten.
© Eva Kläui, Amt für Denkmalpflege und Archäologie Zug.
In der Zeit der Kelten (450–15 v. Chr.) wird das Kriegshandwerk zu einem Beruf. Die Beziehung keltischer Stämme zum Mittelmeerraum war komplex: Sie war geprägt von Handel und Austausch, aber auch von Überfällen, Kriegen und wechselnden Bündnissen. Aus schriftlichen Überlieferungen wissen wir, dass man im antiken Mittelmeerraum die Kelten fürchtete, aber gleichzeitig gerne als Söldner für Kriegsdienste verpflichtete. Sie erhielten ihren Sold in Form von Münzen – etwas, das vorher in Mitteleuropa unbekannt war (Abb. 3). Bald prägte man nördlich der Alpen eigene Münzen und nutzte sie auch in der Zentralschweiz als Zahlungsmittel.
Getreide für die Armee
Römische Legionäre waren keine tollpatschigen Dummköpfe wie in den «Asterix»-Bänden, sondern gut ausgebildete Soldaten einer effektiv geführten Armee. Auch Kelten aus der Zentralschweiz konnten in die Hilfstruppen der römischen Armee eintreten. Neben Kampfeinsätzen gehörte auch der Bau von Infrastruktur zum harten Dienstalltag. Den entsprechend hohen Energiebedarf deckten römische Soldaten hauptsächlich mit Puls und Panis, Getreidebrei und Brot. Der Fund des Militärabzeichens eines Beneficiarius (u.a. für die Getreidebeschaffung zuständiger Unteroffizier) im Gutshof von Cham lässt vermuten, dass ein Teil dieses Getreides auch aus der Zentralschweiz stammte.
Krieger und Bauern?
Waffen und Getreide spielten auch im frühmittelalterlichen Baar (ZG, 7. Jh. n. Chr.) eine wichtige Rolle: Da liegen auf einem Friedhof mit Schwertern, Schilden und Lanzen bewaffnete Männer begraben. Ihre Knochen tragen jedoch keine Spuren von Kampfverletzungen. Hingegen zeigen alle Skelette Abnutzungsspuren von schwerer körperlicher Arbeit. Es scheint sich also eher um gut bewaffnete Bauern und Handwerker als um Krieger zu handeln. Das Waffentragen war offenbar Ausdruck von Status.
Der Blick in die Urgeschichte zeigt es: Eine «gute, alte Zeit» ohne bewaffnete Konflikte, Kriege und dem damit verbundenen Leid gab es nicht. Im Podcast Archäo.logisch lässt sich das Thema noch vertiefen. Umso wichtiger also, sich für eine «gute, neue Zeit» zu engagieren.
