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23. März 16

Heute ist die Kirsche in Zug allgegenwärtig. Doch assen bereits die Pfahlbauer «Chriesi»?

Auf den Spuren der Zuger Chriesi

Blühende Kirschbäume, saftige Kirschen, Kirsch und Kirschtorte sind heute Markenzeichen des Kantons Zug. Aber blühten bereits Kirschbäume, als die Jäger der Eiszeit durch die Voralpen streiften, und schnabulierten die Pfahlbauer der Stein- und Bronzezeit im Frühsommer Kirschen? Wir begaben uns auf die Spuren der ersten Zuger Kirschen.

Blühende Kirschbäume, saftige Kirschen, Kirsch und Kirschtorte sind seit langer Zeit Markenzeichen des Kantons Zug (Abb. 1 und 2). Zwar hat die starke Siedlungsentwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dazu geführt, dass Landwirtschaft und Kirschenanbau stark an Bedeutung verloren haben. Doch seit 2008 gibt die IG Chriesi Gegensteuer und sorgt dafür, dass die Kirschenkultur durch wiederbelebte Bräuche wie Chriesisturm und Chriesimärt und innovative neue Produkte wie die Zuger Chriesiwurst wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt.
Aber war das Zugerland schon immer Chriesiland? Blühten bereits Kirschbäume, als die Jäger der Eiszeit durch die Voralpen streiften, und schnabulierten die Pfahlbauer der Stein- und Bronzezeit im Frühsommer Kirschen? Diese Frage stand plötzlich im Raum, als sich das Team des Museums für Urgeschichte(n) entschied, im Rahmen des Internationalen Museumstags vom 17. Mai 2015 das Thema «Zuger Chriesi» aufzugreifen. Also machten wir uns auf die Spuren der ersten Zuger Kirschen.
Historische Zuger Quellen führen uns zurück ins 17. Jahrhundert, über die Erfindung der Zuger Kirschtorte im Jahr 1915 und die Gründung der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» 1870 bis zur ersten Erwähnung eines Chriesimarktes im Jahr 1627, um nur einige Eckdaten herauszugreifen. Doch damit sind wir noch längst nicht bei den Pfahlbauern angelangt!


Abb. 1: Tafelkirschen beim Zurlaubenhof in Zug am 30.06.09, im Hintergrund die St. Michaels-Kirche.
Foto: IG Chriesi / Ueli Kleeb, Zug.


Abb. 2: Römische Kirschensteine und modernes Zuger Kirschendessert.

Archäologische Funde aus dem Kanton Zug reichen ein gutes Stück weiter in die Vergangenheit zurück. Die bislang ältesten Zuger Kirschensteine sind nämlich knapp 1800 Jahre alt und sind in den Jahren 2003/04 bei Ausgrabungen in Cham-Hagendorn in einer Schichte aus der Zeit um 220/30 n. Chr. entdeckt worden. Damit stammen sie aus der römischen Epoche.
Dies deckt sich gut mit schriftlichen Überlieferungen zur Herkunft der Tafelkirsche. In der Antike galt nämlich die Region von Kerasos, heute Giresun (Türkei), als Zentrum der Kirschbaumkultur. Der Legende nach soll der römische Feldherr Lucius Licinius Lucullus im Jahr 63 v. Chr. nach dem Sieg über den pontischen König Mithridates in seinem Triumphzug das erste Bäumchen mit reifen Kirschen in Rom präsentiert haben - so berichtet es jedenfalls der römische Schriftsteller Gaius Plinius Secundus um 77 n. Chr. Ganz so bildhaft wie in seiner Erzählung hat es wohl nicht stattgefunden, aber wahrscheinlich gelangte die Tafelkirsche tatsächlich in der Folge dieser Feldzüge nach Rom und fand dort rasch grossen Anklang. Römer pflanzten veredelte Kirschen bald auch nördlich der Alpen und um 50 n. Chr. sogar in Britannien – und spätestens gegen 220 n. Chr. in Cham-Hagendorn (Abb. 3).
Auch nach dem Rückzug der römischen Eroberer blieb die Tafelkirsche in unserem Gebiet heimisch. Im Mittelalter standen Kirschbäume in Bauern- und Klostergärten. Kirschen wurden für den Eigenbedarf gepflanzt und lokal vermarktet. Die beschränkte Haltbarkeit der Früchte verhinderte über viele Jahrhunderte, dass sie im grossen Stil angebaut wurden.


Abb. 3: Kirschensteine aus der römischen Fundstelle Cham-Hagendorn.


Abb. 4: Kirschsteinperlen und Schlehenperlen aus der jungsteinzeitlichen Siedlung Arbon-Bleiche (um 3000 v. Chr). Es handelt sich um einen der bislang ältesten Nachweise von Kirschensteinen in der Schweiz.
Foto AATG, Daniel Steiner, www.archaeologie.tg.ch.

Wir können es also als gesichert ansehen, dass die ersten Zuger Tafelkirschen in römischer Zeit wuchsen und die Pflanze ab dieser Zeit hier heimisch ist. Doch wie steht es nun mit den Pfahlbauern? Sammelten sie zumindest die Früchte der Wildkirsche (Vogelkirsche)? Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten! Botanikerinnen und Botaniker sind sich nämlich bis heute nicht einig, seit wann die Wildkirsche in Mitteleuropa und damit auch im Zugerland heimisch ist. Es stehen sich zwei Lehrmeinungen gegenüber: Manche gehen davon aus, dass die Wildkirsche «schon immer» hier heimisch war und lediglich die Tafelkirsche erst in römischer Zeit importiert wurde. Andere wiederum sind der Meinung, dass in vorrömischer Zeit hier überhaupt keine Kirschen wuchsen. Sie sehen alle heutigen Wildkirschen als ausgewilderte Nachfahren von in römischer Zeit oder später angepflanzten Tafelkirschen an.
Auch archäobotanische Untersuchungen klären die Frage nicht abschliessend, werden doch ganz selten einmal in stein- und bronzezeitlichen Ausgrabungen Kirschensteine oder Hölzer, die vielleicht von Kirschbäumen stammen könnten, gefunden. Zu diesen seltenen Ausnahmen gehören zwei jungsteinzeitliche Kirschkerne aus Arbon im Kanton Thurgau aus der Zeit um 3000 v. Chr. Sie sind durchlocht und als Schmuckperlen verwendet worden (Abb. 4). Es ist aber nicht sicher, ob sie an Ort und Stelle wuchsen. Ebenso gut können sie nämlich als Schmuck aus dem Mittelmeerraum importiert worden sein.
Klar ist aber: Kirschkerne erhalten sich im feuchten Boden gut und sind einfach zu bestimmen. Wären also zur Zeit der Pfahlbauer hier bereits Kirschen in grösseren Mengen gesammelt und gegessen worden, so würde man auf jeden Fall Reste der Kirschsteine finden. Dies spricht eher dafür, dass die Pfahlbauer am Zugersee noch keine Kirschen assen.