Wie die Medizin in der Zentralschweiz Einzug hielt
Mit Birkenteer-Kaugummis und Opium gegen die Schmerzen
Bandwürmer, Zahnschmerzen und Knochenbrüche plagten die Zentralschweizer schon in der Urgeschichte. Halfen Pflanzen und Kräuter nicht weiter, griffen sie auf antiseptische Kaugummis oder essbare Heiligenbilder zurück.
Ob die ersten Krankheiten auch so in die Zentralschweiz kamen, bleibt wohl für immer ungeklärt – immerhin wurde im jungsteinzeitlichen Dorf Zug-Riedmatt eine "Büchse" aus Hirschgeweih gefunden (Abb. 1). Sicher ist, dass in der Jungsteinzeit (6'000-2'200 v.Chr.) eine neue Lebensweise aufkam, welche die Ausbreitung von Krankheiten begünstigte. Die Menschen liessen sich beispielsweise an den Ufern des Zugersees oder im Wauwilermoos nieder, bauten Häuser und betrieben Ackerbau und Viehzucht. Die Schattenseite dieser neuen Lebensweise waren prekäre hygienische Verhältnisse: Mensch und Tier lebten auf engstem Raum zusammen, zumindest im Winter wohnte das Vieh teilweise gleich mit in der Stube. Schmale Gassen zwischen den Häusern dienten als Toiletten.
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Büchse der Pandora? Dose aus Hirschgeweih aus dem jungsteinzeitlichen Dorf von Zug-Riedmatt.
© Res Eichenberger, Museum für Urgeschichte(n)
Wie damals überall in Mitteleuropa wurde auch am Zugersee Schlafmohn angebaut. Dieser ist nicht nur Nahrungsmittel, sondern enthält auch Opioide: Ein hoch wirkungsvolles Schmerzmittel, das aber auch als Droge eingesetzt werden kann (und sicher auch wurde). In Cham-Eslen (ZG) wurde ausserdem ein besonderes Heilmittel gefunden: Ein "Kaugummi" aus Birkenteer, der wohl grässlich schmeckte, dafür gegen Zahnschmerzen half (Abb. 2).
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Abb. 2: Dieser «Kaugummi» aus Birkenpech linderte die Zahnschmerzen der Pfahlbauer und Pfahlbauerinnen am Zugersee vor 6'100 Jahren. Fundort: Cham-Eslen (ZG).
© Res Eichenberger, Amt für Denkmalpflege und Archäologie
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Abb. 3: Pfirsichen, Walnüssen und Kirschen schrieb man in römischer Zeit heilende Wirkung bei Ohrenschmerzen resp. Verdauungsproblemen zu. Funde aus Cham-Hagendorn (ZG), 2./3. Jh. n. Chr.
© Res Eichenberger, Museum für Urgeschichte(n)
Bei besonderen medizinischen Anliegen suchten die Menschen in allen Epochen auch immer wieder göttlichen Rat. In Hagendorn weihten Römerinnen der Liebesgöttin Venus kleine Terrakottafiguren – vielleicht, um für die Erfüllung eines Kinderwunsches zu bitten (Abb. 4). Aber auch in neuerer Zeit setze man auf göttliche Hilfe: Im 17. Jahrhundert konnte man im Kloster Einsiedeln Schabmadonnen erwerben (Abb. 5). Diese bestanden aus Ton und dem zusammengekehrten Staub aus der Gnadenkapelle. Von dieser – so glaubte man – heilkräftigen Mischung schabte man bei Bedarf etwas Tonpulver ab und streute es übers Essen von kranken Menschen oder Tieren. Alternativ dazu gab es auch Schluckbilder mit dem Aufdruck von Heiligen oder Aposteln. Je nach Krankheit wurde ein entsprechendes Bildchen abgeschnitten und den Patienten zum Essen gegeben. Besonders kurios muten schliesslich Funde aus alten Häusern an: Bei Hausuntersuchungen kamen an verschiedenen Orten im Kanton Zug Zähne in den Ritzen der Stubenwände zum Vorschein, meist stark kariös. Wahrscheinlich versuchte man so, die Hausbewohner vor Zahnschmerzen zu schützen.
Mehr Hintergrundwissen und Kuriositäten wie zum Beispiel jungsteinzeitlicher Kot oder eine Zahnbürste aus dem 18. Jahrhundert gab es vom 17. November 2019 bis zum 17. Mai 2020 in der Sonderausstellung «Gesundheit!» im Museum für Urgeschichte(n) zu sehen. Sie wurde von der Kantonsarchäologie Luzern konzipiert und mit Zuger Funden ergänzt. Eine faszinierende Reise durch 7'000 Jahre Heilkunst!
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Abb. 4: Römerinnen weihten diese Statuetten vor rund 1800 Jahren der Liebesgöttin Venus, um ihre Hilfe zu erbitten. Funde aus Cham-Hagendorn (ZG), 2./3. Jh. n. Chr.
© Res Eichenberger, Museum für Urgeschichte(n)
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Abb. 5: Schröpfköpfe und Schabmadonnen aus Ton waren wichtige Heilmittel in der Neuzeit. Letztere wurden an Pilgerorten wie Einsiedeln erstanden und übers Essen gerieben, um Krankheiten zu heilen. Funde aus Neuheim und Baar-Allenwinden (ZG), 15.-17. Jh.
© Res Eichenberger, Museum für Urgeschichte(n)
